
Zwischen 60 und 80 % aller älteren Pferde husten. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und unvollständig erforscht, schlechtes Heu gilt als ein Grund für die Erkrankung – egal ob Boxenhaltung oder Offenstall.
Das Heu macht’s, da sind sich die Experten einig. Leiden Pferde an Bronchitis, gelten in erster Linie Schimmel und Pilzsporen im Raufutter als Übeltäter, auf die sie allergisch reagieren. Kommt es ganz dicke, endet die RAO (Erklärung siehe unten) oder Chronisch Obstruktive Bronchitis (COB), früher auch Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung (COPD) genannt, in der Dämpfigkeit, gut erkennbar an der Dampfrinne. Diese entsteht durch eine permanente Anspannung der Bauchmuskulatur, die das erkrankte Pferd zur Unterstützung seiner Atmung einsetzt. Entlang des Rippenbogens bildet sich so unter dem Bauch eine sichtbare Vertiefung – eben jene Dampfrinne.
Es ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Atemwegserkrankungen gehören, soviel steht zumindest fest, neben Lahmheiten zu den häufigsten Erkrankungen und die RAO ist die schwerwiegendste: Der Husten ist chronisch, das Pferd leidet an schleimig-eitrigem Ausfluss. RAO gilt als „multifaktorielle Erkrankung“, Ursachen und Wechselwirkungen sind bislang nur unvollständig erforscht. Auch Influenza- und Herpesviren können Auslöser für die RAO-Vorstufe IAD sein (siehe unten), indem sie in die Epithelzellen der Lunge gelangen. Hier richten sie enorme Schäden an. Noch bis zu acht Wochen nach Abklingen der Infektion gilt das Allergie-Risiko als erhöht.
Veterinäre wie Dr. Kerstin Fey, Fachtierärztin für innere Medizin an der Universität Giessen, halten den Pferde-Husten für stallgemacht, also eine Art Zivilisationskrankheit. Immerhin: „60 bis 80 % aller Pferde ab zwölf Jahre zeigen Anzeichen einer Bronchitis“, hat Fey festgestellt. Mal mehr, mal weniger schlimm. Andere Zahlen gehen von 60 bis 70 % der Pferde über sieben Jahre aus, da schwanken die Schätzungen.
Hält sich das Leiden in Grenzen, sind die Pferde immer noch leistungsfähig, häufig wird die Erkrankung nicht mal bemerkt, da die milden Formen der Erkrankung den Reiter nicht stören. Die meisten Pferde husten noch nicht einmal, obwohl sie schon erkrankt sind. „Vor allem im Spring- und Dressursport, wo nur über wenige Minuten Leistung erbracht werden muss, merkt man den Pferden nichts an“, so Fey, die über COB habilitiert hat. Anders sieht es ihrer Meinung nach bei Ausdauerdisziplinen wie Rennen und Vielseitigkeitsprüfungen aus: „Hier sind diese Pferde nicht mehr einsetzbar.“
Bei Rennpferden wird RAO verhältnismäßig selten diagnostiziert – was wohl vor allem daran liegt, dass meist nur junge Pferde im Rennsport eingesetzt werden. Ein Leistungsabfall ist bei ihnen schneller festzustellen; meist besteht dann keine erschwerte Atmung, sondern nur eine mittels aufwendiger diagnostischer Maßnahmen feststellbare Entzündung der kleinsten Atemwege (Bronchiolitis).
Bei den Kollegen im Parcours und Viereck bleibt die Krankheit häufig unentdeckt – oder wird geflissentlich ignoriert. „Der hustet immer, das ist normal“, hört etwa Dr. Stephen Eversfield, Chef der Tierklinik Wiesbaden immer wieder. Aber: Normal ist Husten eben nicht. Dr. Christian Bingold, Pferdeklinik Großostheim, erklärt das so: „Viele Pferde husten beim ersten Antraben ein oder zweimal ab. Hier befindet sich meist eine geringe Schleimansammlung in der Luftröhre, die durch die verstärkte Luftbewegung beim intensiveren Atmen in Bewegung gerät und so einen Hustenreiz auslöst.“ Ist der Schleim erstmal abgehustet, tritt kein erneutes Husten mehr auf – und der Reiter wähnt sein Pferd gesund.
Für Boxenhaltung nicht gemacht
Bingold macht für Hustenerkrankungen unter anderem ein ungesundes Stallklima verantwortlich: „Pferde sind nicht für die Boxenhaltung gemacht“, mahnt der renommierte Tiermediziner. Bingold spricht denn auch von einer „Haltungskrankheit“. Denn neben Schimmel im Heu machen besonders Staub und Ammoniak der Lunge regelmäßig zu schaffen. Gerade in der Winterzeit, wenn immer noch viele Pferdehalter ihre Ställe quasi luftdicht verschließen, und ein gesunder Luftaustausch geradezu unmöglich ist, nimmt die Belastung der Atmungsorgane enorm zu. „Solange die Ursache nicht beseitigt ist, können Medikamente auch nur das Schlimmste verhindern“, betont Bingold.
Da Allergene bei RAO eine große Rolle spielen, reichten schon kleinste Mengen, um die Lunge wieder und wieder zu reizen. Die Gefahr einer Erkältung hat auch nur bedingt mit der Jahreszeit zu tun. Kalte Luft kann lediglich ein Reizauslöser sein.
„Es kommt auch immer darauf an, ob die Heuernte gut oder schlecht war, was sich ja auf die Qualität des Raufutters auswirkt“, weiß etwa Dr. Thomas Möllmann, Veterinär aus Eurasburg bei Wolfratshausen. Auch Dr. Kerstin Fey glaubt, dass die Erkrankungen eher im späten Winter auftreten, wenn das Heu der vergangenen Saison verfüttert wird. Die Einstreu ist seltener das Problem, da etwa Stroh aufgrund seiner besseren Verarbeitung und Lagerung weniger Schimmelpilze enthält.
Als eine weitere Ursache für Atemwegsobstruktionen vermutet zum Beispiel Dr. Stephen Eversfield noch Faktoren, wie zum Beispiel Stress. „Stress-Situationen können das Immunsystem schwächen, sodass es zu Atemwegserkrankungen kommt. Dazu gehören auch Stallwechsel, eine neue Umgebung… Im Grunde ist es wie beim Menschen – wer schlecht gelaunt und gestresst ist, neigt eher dazu, krank zu werden“, glaubt der Wiesbadener Veterinär. So weit würde seine Kollegin Fey hingegen nicht gehen: „Stress ist ein schwieriges Thema und kann im Extremfall zum Ausbruch von Infekten führen“, wiegelt sie ab. Auch Dr. Thomas Möllmann, Fachtierarzt aus Eurasburg bei Wolfratshausen, hält Stress als Auslöser für „eher weniger wahrscheinlich“. Und auch Dr. Christian Bingold ist sich sicher: „Stress hat mit RAO überhaupt nichts zu tun. Stress begünstigt nur akute Infektionen.“
Regelmäßig Fieber messen
Gleichwohl: Viele Fachleute sehen die chronischen Atemwegserkrankungen auf dem Rückzug, zumindest nehmen sie aber nicht zu. „Das liegt auch daran, dass mehr Silage verfüttert wird“, meint Lungenspezialistin Fey. Stephen Eversfield hat eine erhöhte Sensibilität bei dem Thema festgestellt, „die Leute investieren lieber in einen guten Stall als in ihren Tierarzt“. Denn auch zur Prophylaxe können Pferdehalter einiges beisteuern, und das mit wenig Aufwand. Fey warnt zum Beispiel vor warmen Ställen, empfiehl viel frische Luft – und ein regelmäßiges Abmisten des Reithallenbodens. „Sonst vertrocknen die Pferdeäpfel und der Boden staubt stark. Da schwirren dann sogenannte Endotoxine, also Giftstoffe, durch die Luft, die die Atemwege auf alle möglichen anderen Stäube noch empfindlicher machen.“ Ferner empfiehlt sie, beim Pferd regelmäßig Fieber zu messen. „Eine erhöhte Temperatur sehe ich meinem Pferd ja nicht an. Liegt seine Körpertemperatur über den normalen 37 bis etwa 38,2 Grad, sollte ich mein Pferd lieber etwas schonen.“ Wichtig ist, dass immer zu ähnlichen Zeiten (zum Beispiel abends nach dem Fressen) gemessen wird, und: „Am besten jeden Tag.“
[Volker Camehn (Auszüge aus BAYERNS PFERDE 1/09)]
Begriffserklärung
RAO steht für Recurrent Airway Obstruction. Das Endstadium dieser „Wiederkehrenden Atemwegsobstruktion“ ist die Dämpfigkeit (irreversibles Lungenemphysem), die Lunge ist dann unheilbar geschädigt. RAO gehört zu den häufigsten und schlimmsten Atemwegserkrankungen. Es handelt sich um eine nicht-infektiöse Entzündung der unteren kleinen Atemwege (Bronchioli). Die Faktoren, die zur Erkrankung führen, sind vielfältig und noch nicht vollständig erforscht. Genetische Veranlagungen gehören wahrscheinlich dazu, als gesicherter Krankheitsverursacher gilt die Allergie gegen Schimmelpilzsporen. Allerdings: Ist die Lunge erst einmal gereizt, reagiert sie auch auf andere Einflüsse wie Staub und Ammoniak sehr empfindlich.
IAD (Inflammatory Airway Disease) steht für „Entzündliche Atemwegserkrankung“ und ist die Vorstufe zur RAO. Hier sind die unteren Atemwege betroffen. IAD beruht nicht auf einer Infektion oder einer Allergie. Die Auslöser hierfür sind vielfältig. Laut Dr. Christian Bingold haben meist jüngere Pferde
IAD, „was aber daran liegt, dass im Verlauf der nicht ausheilenden Erkrankung eine Allergisierung stattfindet und in der RAO endet“. Etwa 85 % der hustenden Pferde haben IAD.