Gefährlicher Schlagschutz: Bandagen und Gamaschen verursachen bei falscher Anwendung Sehnenschäden und Drucknekrosen. Experten warnen deshalb vor übertriebener Fürsorge am Pferdebein.

Alle Symptome sprachen für eine Kolik: Die dunkelbraune Trakehnerstute versuchte sich hinzulegen, sie fing an zu schwitzen, drehte sich unruhig in der Box hin und her. „Das Pferd war bandagiert. Irgendwann haben wir die Bandagen abgemacht – und innerhalb kürzester Zeit war es beschwerdefrei“, erzählt Dr. Andreas Franzky. Der Lüneburger Veterinär ist Vorsitzender des Arbeitskreises Pferde vom Verein Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (TVT). Das Unwohlsein des Pferdes überrascht bei näherer Betrachtung nicht: Schon ein zu enger Gummizug am Strumpf ist für uns ja unangenehm. Und wer mal längere Zeit einen Gips an Arm oder Bein tragen musste, weiß, wie nervig das auf die Dauer sein kann: Hitzestau und Juckreiz sind häufig die Folge. Menschen greifen dann hektisch nach Stricknadeln, um sich unter ihrem Verband zu kratzen – Pferde haben diese Möglichkeiten nicht. Was den Einsatz von Gamaschen und Bandagen anbelangt, sind viele Pferdebesitzer denn auch ziemlich schiefgewickelt. Als Schlagschutz eine segensreiche Sache, etwa bei der Ausbildung von jungen, noch nicht ausbalancierten Pferden oder beim Springen, richten sie bei falscher Anwendung erheblichen Schaden an. Hier gilt: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. „Da wird viel Gedöns gemacht“, grantelt Franzky.
Dauererwärmung schadet den Pferdebeinen
Fakt ist: Die übertriebene Sorge vieler Tierhalter, dass ihre Pferde sich verletzen, führt mitunter zu wahren Wickeltorturen und Verschnallexzessen. In Sachen vorgeblicher Prophylaxe werden kaum Mühen gescheut. Es gibt nicht wenige Pferde, die nur mit Gamaschen bewehrt auf ihre Koppel kommen. „Derlei kann hilfreich sein, wenn die Pferde Koppelgang nicht gewohnt sind. Dann toben sie mehr herum und die Gefahr einer Verletzung steigt. Bei regelmäßigem Weidegang ist derlei jedoch Unfug“, so Veterinär Franzky. Und wenn schon mit Gamaschen auf die Koppel, dann aber nur kurz: „Mehr als zwei Stunden sollten die Tiere damit nicht draußen sein“, gibt der Physiotherapeut und Osteopath Jochen Lill zu bedenken. Lill, der ein Rehazentrum für Pferde auf dem Gestüt Katharinenhof bei Antdorf im Kreis Weilheim/Schongau betreibt, wollte es genau wissen und hat für BAYERNS PFERDE die Wärmeentwicklung unter den Beinschützern im Trainingsalltag nachgemessen. Bis 36° C stieg bei seiner Untersuchung mit Wärmekamera die Temperatur an. Zum Vergleich: Im Ruhezustand und ohne Gamaschen ist das Pferdebein hier gerade mal knapp 24° C warm. „Dauererwärmung schadet den Pferdebeinen enorm!“, sagt Lill, weil dann Funktionsstörungen der Sehnen drohen. Darum fordert er: „Nach dem Reiten sofort Gamaschen oder Bandagen runter!“ Das sei beileibe keine Selbstverständlichkeit: „Viele Turnierreiter stellen ihr Pferd bis zur Siegerehrung oder zum Stechen mit Gamaschen auf den Hänger – häufig aus Faulheit, weil man sich ja nicht bücken will“, sagt Lill (siehe Interview BAYERNS PFERDE 8/2010, S. 79).
Behinderung des Lymphsystems
Dass der Einsatz von Bandagen seine Tücken hat, ist inzwischen wissenschaftlich belegt – egal ob die Anwendung aufgrund einer medizinischen Indikation erfolgt oder als schiere Vorsichtsmaßnahme gedacht ist. So ergab etwa die Untersuchung an zehn Pferden („Auswirkung und klinische Relevanz von Woll(Stall)bandagen mit wattierten Unterlegern und Strickstrümpfen auf den Lymphfluss im Pferdebein“, 2006) von Professor Dirk Berens von Rautenfeld und Dr. Christina Fedele, Tierärztliche Hochschule Hannover: Der Einsatz von Stall- bzw. Wollbandagen ist „kontraindiziert“, also nicht zweckmäßig – nicht mal in der Veterinärmedizin und allem Augenschein zum Trotz. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss: „Die scheinbare, optisch positive Wirkung der Bandagierung erklärt sich dadurch, dass in dem komprimierten Gewebe keine Wassereinlagerung stattfinden kann.“ Das Lymphsystem, das eine Art Entsorgungssystem für Plasmaproteine (im Blut enthaltene Proteine) darstelle, „wird jedoch in seiner Arbeit massiv behindert und auf längere Sicht wahrscheinlich chronisch geschädigt“, mahnen die Autoren und empfehlen stattdessen einen elastischen Strickstrumpf: „Eine gute Möglichkeit zur Prophylaxe bei angelaufenen Beinen.“ Er verhindere ebenfalls die Wassereinlagerungen im Gewebe, „ohne negative Auswirkungen auf die Lymphkollektoren“. Zu einer Kompression käme es so hingegen nicht. Die Wissenschaftler aus Hannover schlussfolgern, „dass die in der Nutzung von Pferden übliche Bandagierung (sowohl mit Stallbandagen als auch mit elastischen Bandagen) das Lymphgefäßsystem des Pferdes längerfristig schädigt und die Prädisposition für Phlegmonen erhöht“. Mitunter ist es auch Schlampigkeit, die Unheil stiftet. Zu sogenannten Drucknekrosen auf der Haut des Röhrbeins bzw. Sehnenstrangs kann es zum Beispiel kommen, wenn man vergisst, die Gamaschen über Nacht abzunehmen, weiß Dr. Christian Bingold, Chef der Pferdeklinik Großostheim. Hintergrund: Der permanente Druck aufs Bein, der die Sauerstoffversorgung beeinträchtigt, sorgt dafür, dass das Gewebe abstirbt. Nach Abheilung gibt es an der entsprechenden Stelle meist weiße Haare, bei Schimmeln sind es schwarze. „Auch Sehnenschäden sind durch Über-Nacht-Gamaschen möglich“, so der Veterinär. „Das Gleiche bekommt man auch durch Elastikbandagen hin. Da habe ich schon Schlimmes gesehen“, sagt Bingold. Fedele und von Rautenfeld warnen ausdrücklich: „Die in der Reiterei und bedauerlicherweise auch in der Veterinärmedizin zum Einsatz kommenden Bandagen weisen eine Dehnbarkeit von 160 – 200 % auf. Sie üben dadurch einen so starken Druck aus, dass sogar Blutgefäße komprimiert werden.“
Der Mythos von der Stützfunktion
Ein weiterer Grund (neben dem Schlagschutzargument) für den häufigen Einsatz von Gamaschen und Bandagen ist die Mär von der Stützfunktion, die sich so hartnäckig hält wie Fliegendreck an der Autoscheibe. „Ein Mythos“, bestätigt Tierarzt Franzky. Und einer, der von den Herstellern häufig als Verkaufsargument gebraucht wird. So preist etwa die Firma Saddle Shop Trading, Göppingen, in Anzeigen ihre Gamaschen mit dem Hinweis an: „Sie stützen und entlasten Ihr Pferd perfekt und schützen vor Überdehnen der Sehnen und Bänder.“ Und auf der Loesdau-Homepage werden Bandagen mit dem Hinweis beworben, dass „der elastische Außenbereich“ das Pferd „bei der täglichen Arbeit“ schützen und stützen würde. Dr. Peter Witzmann aus Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart sieht derlei Aussagen skeptisch: „Gamaschen können schützen, stützen können sie nicht.“ Auch das Einwickeln stützt und nützt da nichts. „Beim Bandagieren wickeln Sie die Bandage ja zirkulär ums Bein. Die Kraft, die etwa beim Springen auf das Bein wirkt, kommt aber von oben. Bandagen können diese Kräfte nicht abfedern“, so Witzmann. Gleiches gelte für Gamaschen: „Wenn die vor Überdehnung schützen sollen, müssten sie so fest sitzen, dass sie eine Einschränkung der Bewegung in Kauf nehmen müssten!“
Kaum Gamaschen im Distanzsport
Ob die Gamaschen zum Stoßdämpfer taugen, hat 2001 die Fachzeitschrift „Cavallo“ mittels Beschleunigungssensoren messen lassen – einer wurde hierfür am Huf, einer oberhalb der Gamasche am Unterarm angebracht. Verwendet wurde eine sogenannte Stützgamasche, die den Fesselkopf umschließt. Das Ergebnis: Von dämpfenden Effekten keine Spur. Das Magazin zitiert den Biomechaniker Dr. Parvis Falaturi, der die Messreihen durchführte: „Was im Bein passiert, wird durch Boden und Beschlag, nicht aber durch Gamaschen beeinflusst.“ Das haben z. B. die Distanzreiter längst begriffen: Und das aus einem einfachen Grund: „Kommt unterwegs Sand oder anderer Schmutz zwischen Gamasche und Pferdebein, kann das furchtbar scheuern und Haut-irritationen verursachen. Gleiches gilt für Bandagen – so gut kann man garnicht wickeln, dass da nicht was reinrutscht. Und spätestens beim nächsten Vet-Check müsste das Pferd dann aus dem Rennen genommen werden“, erklärt Petra Lutley, Regionalbeauftragte Süd-Bayern vom Verein Deutscher Distanzreiter und -fahrer (VDD). Hinzu kommt: „Pferde mit Fehlstellungen, die sich eher mal streichen und verletzen, haben im Distanzsport nichts zu suchen. Die halten das physisch gar nicht aus.“
Text: Volker Camehn