Koliken, Lahmheiten, Augenverletzungen: Bei Erste-Hilfe-Maßnahmen sind viele Pferdebesitzer schlichtweg überfordert. Dabei sind manche Gebrechen nur halb so schlimm, wenn man ein paar Grundsätze beachtet.

Es gibt Ansichten, die halten sich wie holländische Tomaten. Zum Beispiel die, dass Pferde sich bei Kolik nicht wälzen sollen. „Die werden dann geführt auf Teufel komm raus. Ich hatte schon den Fall, dass ein Pferd zwölf Stunden am Stück durch die Gegend gezerrt wurde – das war dann, als es schließlich bei uns auf Station war, völlig erschöpft“, erzählt Dr. Heike Kühn, Tierklinik München-Riem. Mitunter würden die Pferde auch geschlagen – nur damit sie sich nicht hinlegen, weil der Darm sich ja irgendwie verknoten könnte. „Alles Quatsch!“, so Kühn. Im Gegenteil: Das Wälzverhalten könne durchaus Aufschluss über die Schwere einer Kolik geben. Und manche Unpässlichkeit im Verdauungstrakt würde sich so auch schon mal von alleine lösen. Zudem könne das Pferd durch Wälzen und etwa Liegen auf dem Rücken seine Schmerzen lindern. Das ist dann ähnlich wie beim Menschen: Wer Bauchweh hat, nimmt automatisch eine Schonhaltung ein. Wichtig ist nur: „Das Pferd braucht Platz zum Wälzen, sonst legt es sich möglicherweise noch fest – also raus aus der Box“, mahnt die resolute Veterinärin.
Dr. Thomas Heinz, renommierter Münchner Fachtierarzt für Pferde und Mitwirkender am „Kursbuch Pferdekrankheiten“ plädiert zwar bei Kolikverdacht durchaus fürs Führen, „aber nicht stundenlang, maximal 60 Minuten und zwischendurch immer mal wieder“. Das sieht auch Dr. Georg Veith, Pferdeklinik Fohlenweide in Otterfing, so. Seinen Tierarzt, so Veith, sollte man aber auf jeden Fall rufen, denn „häufig warten die Leute damit zu lange. Vor allem bei Koliken wird der Ernst der Lange häufig nicht rechtzeitig erkannt“, stellt er immer wieder fest.
Verletzungen werden häufig unterschätzt
Lahmheiten, Kolik und Verletzungen sind die häufigsten Gründe, den Tierarzt zu konsultieren. Doch bis der da ist, kann es mitunter schon mal eine Weile dauern. Was ist also bis dahin zu tun? Nicht selten macht sich Ratlosigkeit breit. Die Folgen sind zu langes Warten und/oder falsche erste Maßnahmen. Viele Pferdebesitzer sind, so lehrt der tierärztliche Alltag, im Ernstfall schlichtweg überfordert – nervlich wie fachlich. Die Reaktionen schwanken dann zwischen Ignoranz und panischer Hilflosigkeit. Denn richtig einzuschätzen, ob die Verletzung am Bein nur eine leichte Blessur oder doch schlimmer sein könnte, ist für den tiermedizinischen Laien fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Der Griff in den eigenen Medizinschrank, wo noch ein paar angebrochene Salben mit abgelaufenem Verfallsdatum ihr Dasein fristen, ist keine Seltenheit und hat häfig eher experimentellen Charakter. Viele Erste-Hilfe-Maßnahmen, stellen die Veterinäre immer wieder fest, sind deshalb eher gut gemeint denn wirklich hilfreich. Im Gegenteil: Manch eine Paste, die zum Beispiel ins geschwollene Auge geschmiert wird, schadet eher – und macht dem behandelnden Tierarzt Befund und Therapie unnötig schwer. Und auch bei sonstigen Verletzungen wird häufig zu viel und Falsches geschmiert. „Hände weg von abdeckenden Salben!“, fordern deshalb die Tiermediziner bei der Erstversorgung von Wunden. „Denn da müssen wir erst mal die Wunde wieder säubern, um sie überhaupt richtig untersuchen zu können.“
Einfach ist häufig besser. Tierärztin Kühn etwa setzt bei kleinen Kratzern auf H2O pur, „Wunderwasser“ nennt sie es mit einem Augenzwinkern: „Die Wasserqualität hierzulande ist sehr gut. Die Verletzung einfach vorsichtig mit dem Schlauch abspritzen und bloß keinen Schwamm nehmen. Damit reiben Sie nur Dreck in die Wunde.“ Ist kein Schlauch vorhanden, täte es auch Sprudel aus der Flasche.
Dr. Christian Bingold, Pferdeklinik Großostheim, denkt auch an die Pferdehalter-Psyche und rät im Verletzungsfall zu einer sterilen Wundabdeckung. Der Verband, so Bingold hintersinnig, diene „ja auch zur Beruhigung des Pferdebesitzers“. Für Experimente hat einer wie er gleichwohl kein Verständnis. „Lieber einmal zu oft den Tierarzt kontaktieren“, fordert der Klinik-Chef. Und rät zur Bescheidenheit in Sachen eigener Fachkompetenz: „Sein Beurteilungsvermögen sollte der medizinische Laie nicht überschätzen.“ Nicht über- aber häufig unterschätzt werden zum Beispiel Blessuren an Rumpf und Gliedmaßen, vor allem wenn sie kaum sichtbar sind. Sind sie jedoch tiefer als auf den ersten Blick erkennbar, wird’s heikel. Aus harmlos wirkenden Schrammen, wie sie etwa bei Schlagverletzungen entstehen, kann schnell eine Phlegmone, auch Einschuss genannt, entstehen. Hierbei handelt es sich um eitrige Entzündungen, ausgelöst durch Bakterien. Das Bein schwillt stark an, eine Behandlung durch den Tierarzt ist dann unumgänglich.
Von der Diagnose zum Dauerpatienten
Christian Bingold weiß um die erste Hilflosigkeit seiner Klientel und hält deshalb regelmäßig Vorträge zum Thema Erste Hilfe. „Was mach ich bis der Tierarzt kommt? Notfälle erkennen, verstehen und richtig handeln“, heißt etwa die gut 120 Seiten starke Powerpoint-Präsentation, die seit kurzem auch auf seiner Homepage zu finden ist (www.pferdeklinik-Grossostheim.de) und jede Menge Tipps in Sachen erste Selbstdiagnose enthält. „Ruhig mal das Bandagieren üben, solange noch alles in Ordnung ist“, empfiehlt er unter anderem. Der Bedarf an Beratung scheint enorm – Bingold und seine Kollegen referieren nicht selten vor mehreren Hundert Leuten. Auch Dr. Heike Kühn findet, dass sich die Pferdebesitzer verstärkt fit für den Ernstfall machen sollten. Bei Bedarf gibt sie deshalb Erste-Hilfe-Kurse vor Ort. „Wenn sich genug Interessierte finden, komme ich vorbei!“
Wie unsicher Pferdebesitzer im Umgang mit der Gesundheit ihres Pferdes sind, merken die Tierärzte auch, wenn sie gerufen werden. „Manchmal sind es keine Notfälle sondern eher Schönheitskuren“, schmunzelt Kühn. Die wirklichen Notfälle von Lappalien zu unterscheiden, ist nicht immer ganz leicht. „Manche Anrufer sind wegen Nichtigkeiten geradezu hysterisch, andere bei wirklich dringenden Sachen völlig cool und unaufdringlich.“ Das Problem: Beide schätzen die gesundheitliche Lage ihres Pferdes falsch ein. Hier ist es Sache des Tierarztes herauszufinden, wo es wirklich brennt – und wo eben nicht. Trotzdem mahnen sie: Lieber einmal zu viel als zu wenig den Tierarzt gerufen.
Thomas Heinz will sich auf sein Gefühl da allein nicht verlassen, wenn er mitten in der Nacht zu einem Notdienst gerufen wird. „Man bekommt relativ schnell heraus, wo rasches Handeln angesagt ist, und welche Fälle nicht so dramatisch sind. Wir fragen die Symptome deshalb systematisch ab, da lässt sich bereits vieles gut ein- und zuordnen.“
Und auch das gibt es: Ist die erste Diagnose gestellt, reagieren manche Pferdehalter mit Uneinsichtigkeit und Trotz. „Die lassen dann ihr Pferd auch bei Lahmheit auf die Koppel“, wundert sich Veterinär Heinz. „Der frisst doch eh nur“, begründen sie den Weidegang ihres maladen Lieblings, dem eigentlich Boxenruhe verordnet wurde. Dr. Heinz’ Standardrüffel ist in solchen Fällen eindeutig: „Wenn ihr einen Dauerpatienten haben wollt, dann macht nur so weiter.“
Nageltritt Definition: Stichwunde in der Hufsohle oder im Strahlbereich des Hufes. Geht einher mit Lahmheit, Schonhaltung im Stehen, Wärme im Huf und Fieber. Birgt Infektionsrisiko aber auch Knochen, Knorpel und Sehnen können verletzt werden.
Volker Camehn
Tipps zur Ersten Hilfe
Augenerkrankungen
Definition:
Häufig kommen vor: a) Bindehautentzündungen, b) Verletzungen des Augenlids (mit Gefahr einer Hornhautverletzung). a) Das Augenlid ist angeschwollen. Juckreiz, Bindehaut rot und geschwollen, Lichtempfindlichkeit gelten als Symptome. Wird meist durch äußere Einflüsse ausgelöst (Wind, Staub, Pollenallergien, Fliegen) b) Riss, Abschürfung des Augenlids, kann beim Scheuern entstehen. Symptome sind u.a. Trübung des Auges, Tränenfluss, Eiter im Augenwinkel, Anschwellen des Auges.
Was tun?
Gerade bei schweren Augenerkrankungen ist von einer Selbstbehandlung abzuraten. Keine Verwendung von angebrochenen Salben, da diese schnell altern – unabhängig vom Verfallsdatum. Solche Salben können mehr schaden als sie nützen. Auch und gerade Cortison-Salben taugen nicht für die Erste-Hilfe-Maßnahme am Auge: Ein Hornhautdefekt heilt bei Cortisongabe deutlich schlechter, mahnen Mediziner. Außerdem fördert Cortison die Vermehrung von Bakterien, was zu einer weiteren Zerstörung der Hornhaut führen kann.
Kolik
Definition:
Schmerzen im Bauchraum (Magen-Darm-Bereich), die normalerweise auf Darmprobleme oder eine Gasansammlung zurückzuführen sind. Symptome sind u.a. Unruhe, Scharren, Umsehen zum Bauch, Schlagen mit der Hinterhand in Richtung Bauch, Schwitzen. Ursachen können plötzliche Futterumstellungen, Wurmbefall, Darmverschlingung aber auch Stress sein.
Was tun?
Das Pferd soll sich ruhig wälzen dürfen, darüber sind sich die meisten Tierärzte einig. Dr. Heike Kühn empfiehlt zudem Kaffee mit Kräuterschnaps (zwei- bis fünf Schnapsgläser), denn „Kaffee regt die Darmtätigkeit an, Schnaps beruhigt die Schleimhaut im Darm“, so Kühn. Vor allem für kolikanfällige Pferde sei das ein gutes Mittel. Derlei lehnt hingegen Dr. Thomas Heinz ab: „Dass so etwas hilft, ist durch nichts bewiesen.“ Überhaupt rät er bei Selbstmedikation zur Vorsicht: „Das erschwert uns bloß die Diagnostik.“ Wichtig sei bei Kolikverdacht jedoch sofortiger Futterentzug, mahnt Dr. Georg Veith. Besteht die Einstreu aus Stroh, muss auch die entfernt werden. „Oft wird bei Koliken der Ernst der Lage nicht rechtzeitig erkannt und der Tierarzt zu spät gerufen“, hat Veith festgestellt.
Nageltritt
Definition:
Stichwunde in der Hufsohle oder im Strahlbereich des Hufes. Geht einher mit Lahmheit, Schonhaltung im Stehen, Wärme im Huf und Fieber. Birgt Infektionsrisiko aber auch Knochen, Knorpel und Sehnen können verletzt werden.
Was tun?
„Den Nagel bzw. Fremdkörper drin lassen und das Pferd nicht unnötig bewegen“, rät Dr. Heinz. „Denn wenn der Nagel erstmal draußen ist, fällt eine genaue Diagnose, ob etwa das Hufgelenk verletzt wurde, sehr schwer.“ Wenn möglich versuchen, ein tieferes Eindringen des Fremdkörpers zu verhindern, rät zudem Dr. Christian Bingold, diesen eventuell kürzen.