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20.4.2010: Praxis

Trainer C – ein Lehrgangstagebuch

Laut APO braucht man nur noch das Kleine Reitabzeichen, um Trainer C zu werden. Lehrgangs-Veteranen erzählen Schauergeschichten von militärischem Drill, fiesen Richtern und schweren Prüfungen. Die Programme der Landes Reit- und Fahrschulen lesen sich wie Prospekte für Bildungsurlaub. Was stimmt? Schinderei und Schikane? Oder alles pillepalle? BAYERNS PFERDE-Redakteurin Anna Castronovo hat’s ausprobiert.
Die Amateur-Ausbildung ist nichts, was man mal schnell auf einer Pobacke absitzen kann, soviel steht fest. Man muss sich schinden, klare Ansagen aushalten, und es ist verdammt unangenehm, in seinem Leben mal wieder am kürzeren Hebel zu sitzen.
 
21. Mai
Morgen-Grauen: Unsere Tage beginnen um 6.30 Uhr (mit Stalldienst) und enden um 18 Uhr (mit Stalldienst). Dazwischen ein dichtes Programm aus Reiten, Unterrichtserteilung und vor allem viel Theorie: Reiten in Natur und Straßenverkehr, Aufbau einer Übungsstunde, Führungsstile, motorische Entwicklung und deren Einfluss auf das Training, Angst erkennen und vermeiden, Ausbildungsskala Reiter und Pferd, Veterinärkunde und Erste Hilfe, Versicherungsfragen, Unfallverhütung, Haltung und Fütterung, ethische Grundsätze, Tierschutzgesetz – uff!
Das Dressurprogramm im Grundlehrgang bringt Schulleiter Michael Schmidt so auf den Punkt: „Wer sein Pferd nicht durchs Genick kriegt, bekommt eine 6.“ Die große Herausforderung dieser Woche ist die Geländestrecke – die wir, oh Schreck, vor der Prüfung nur zweimal reiten. Bei der Besichtigung bekommen wir alle Bauchgrimmen. Die im Vorbereitungsseminar angekündigten „Baumstämmchen“ hatten wir uns doch etwas beschaulicher vorgestellt. Es kursieren schon Witze, von wegen die Ponys bekämen ein Trampolin davorgestellt. „Ihr dürft natürlich Angst haben“, grinst Schmidt, „aber springen müsst ihr trotzdem!“ Mir ist schlecht.
 
22. Mai
Tag der großen Entscheidung: Springt Masun? Der Haflinger, den ich aus meinem Verein mitgebracht habe, ist das einzige Pferd, das noch keine Erfahrung mit einer richtigen Geländestrecke hat – mal ganz zu schweigen von mir. Hätte ich doch lieber ein Riemer Schulpferd buchen sollen?
Jedes Hindernis einmal einzeln: Masun windet sich vor jedem Sprung, aber ich reite ihn tollkühn überall drüber. Nur vor einem Wall verweigert er völlig den Dienst, dahinter taucht bedrohliches Zeltgestänge auf, sein Herz bumpert ganz furchtbar. Im zweiten Anlauf schaffen wir auch das. In der Baumstamm-Kombination oben auf dem Hügel gibt's kein Halten mehr: Er entwischt mir und galoppiert den Hang nicht geradeaus hinunter, sondern schräg im Knattergalopp: Kamikaaazeeee! Lehrgangsleiter Schmidt weicht jegliche Farbe aus dem Gesicht. Masun hat Spaß.
Dann heißt es auch schon: „Jeder einmal Parcours und Geländestrecke am Stück, wer durchkommt, darf die Prüfung reiten.“ Jetzt geht’s ums Ganze: Auf der Wiese eine Reihe, ein Steilsprung und ein Oxer (pardon: ein Hochsprung und ein Hoch-Weit- Sprung), dann weiter mit fliegendem Start ins Gelände: Von der Gruppe weggaloppieren, ein Baumstamm, dann im flotten Galopp quer über die Wiese, über einen Wall mit Bergauf- bzw. Bergabsprung, mitten durch ein halb abgebautes Pferd-International- Zelt zwischen Mülltonnen und Paletten hindurch, ein mächtiges Birken-Hindernis bergauf, oben die Baumstamm-Kombi (diesmal entwischt er mir nicht!), fast bleibe ich an einem Ast hängen, aber da geht es schon mit Schwung im Galopp bergab, wieder quer über die Wiese und zum Schluss nochmal ein Baumstamm in Richtung brummender Traktor. Das nenne ich mal eine gerittene Gelassenheitsprüfung. Geschafft! Ich kann’s kaum glauben.
 
23. Mai
Mein Thema für die Unterrichtserteilung lautet „Reiten eines festen Bergab-Hindernisses im Galopp“. Erster Versuch: Stiefel geputzt, Hände hinter den Rücken, laut und deutlich sprechen. Meine „Reitschüler“ sind ein Bereiter-Azubi und ein L-Springreiter. Jetzt ist guter Rat teuer.
 
24. Mai
Geländestrecke die Zweite. Die ständige Anspannung macht sich bemerkbar: Masun verweigert plötzlich die harmlose Gymnastikreihe. Die festen Hindernisse meistert er dagegen souverän. Er galoppiert auch endlich mal ein ordentliches Grundtempo. So heißt jetzt das, was bis vor ein paar Tagen noch „Ahhhhh!“ war... Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen Kleinen!
 
25. Mai
Gereizte Stimmung: Wir wollen es jetzt alle hinter uns bringen und haben die Nase voll von dreimal täglich misten, fegen, misten, fegen, misten, fegen. Es ist schon die ganze Woche brütend heiß, wir sind alle mückenzerstochen, schwitzen und stinken, schlafen zu wenig und haben Muskelkater. Wer ein eigenes Pferd dabei hat, muss abends noch extra Zeit zum Reiten oder Grasen einplanen: Fjordpferd Jannik und Masun schlendern an der Longe über die Wiese; Mirjam und ich büffeln zusammen Theorie. Fazit: Ponys verbinden.
Heute gönnen wir unseren Lieben ein ganz besonderes Wellness-Programm: Wir reiten in die Pferdeschwemme, auf dass die beiden morgen zur Prüfung gut gelaunt seien. Die Riemer Schulpferde genießen einen Koppelnachmittag.
 
26. Mai
Um acht sitzen wir auf den Pferden, oh je, ich bin schon dran, niemand in der Vorbereitung, keine Zeit mehr. Also allein in die Halle, und schon geht das Theater los: Hilfe, die Sprenkelanlage tropft, oh Gott, ein Richtertisch, wo sind die anderen??? Masun steht unter Strom und als ich die Ecke extraschön ausreiten will, lockt der nahe Ausgang, und schwupps, schon sind wir draußen. „Komm zurück, Du bist noch nicht fertig!“, schreit mir Schmidt vom Richtertisch aus nach, und ich schreie zurück: „Entschuldigung!!!“, flitze wieder rein und reite weiter.
Die Richter, mit Pokerface und ohne Gnade, lassen nicht durchblicken, wie sie unsere Flucht aus dem Viereck bewerten. Bin ich jetzt durchgefallen? Nur nicht die Nerven verlieren, sondern umsatteln, Gamaschen drauf, Sicherheitsweste an und raus ins Gelände. Als es heißt „Start frei!“ schnurren wir nur so durch den Kurs. Kein Zögern, keine Unsicherheit – wer hätte das gedacht. Bin wieder guter Dinge und schreie in der Unterrichtserteilung gegen einen Traktor an, der gerade die Parcours-Hindernisse abholt: „Achte auf dein Fundament! Gleichmäßiges Grundtempo! Gerade anreiten!“ Die Richter bohren noch ein bisschen nach, aber ich glaube, sie sind ganz zufrieden.
In der Theorie erzählt ein Prüfer nur von seiner Reitanlage, der andere fragt Dinge, die wir überhaupt nicht durchgenommen haben. Aber wir lernen ja fürs Leben...
Angespannte Gesichter, als wir im Flur auf unsere Abschlussgespräche warten. Ich bin Nummer 8, sehe fast alle anderen herauskommen: von Strahlen bis Tränen. Deutschland sucht den Supertrainer. Lauert da drin ein Bohlen? Noch einmal tief durchatmen und antreten. Mit verschränkten Armen und ernsten Gesichtern fragen sie: „Na, was meinen Sie, bestanden oder nicht?“ Betreten murmle ich: „Naja, die Dressur...“ „Ja, ja, typisch Haflinger“, sagt der eine, sein Gesicht hellt sich auf, und auch der andere lächelt jetzt: „Na, das war doch alles ganz in Ordnung.“ Sogar lauter gute Noten! Herzlichen Glückwunsch, nein, natürlich werde ich mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen, und auf Wiedersehen beim Aufbaulehrgang.
 
Aufbaulehrgang
 
22. Oktober
Gelände bewältigt, Grundlehrgang geschafft, noch ein halbes Jahr geübt – was soll mich jetzt noch schrecken? Na, dann aber schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen: Im Aufbaulehrgang weht ein anderer Wind. Von sechs Teilnehmern reiten vier erfolgreich im Turniersport der Kl. L und M, jeder war in seinem Grundkurs unter den Besten. Wir merken schnell, dass es hier nicht mehr darum geht, DASS man die Anforderungen erfüllt, sondern darum, WIE man sie erfüllt.
Es ist, als hätte jemand die Delete-Taste gedrückt: Du stehst als erwachsener Mensch mit beiden Beinen im Leben, und hier fängst du plötzlich wieder bei null an. Du wirst geduzt, mistest Boxen aus und fragst dich plötzlich, ob du überhaupt reiten kannst. Sinnkrise.
 
23. Oktober
Fühle mich wie eine fleischgewordene Thelwell-Karikatur. Schulpferd Avocat hat eine ganz schöne Wampe und meine Beine reichen gerade mal über das Sattelblatt hinaus. Er ist der Professor unter den Riemer Schulpferden, souverän, etwas behäbig, und ein absoluter Parcours-Profi. Er weiß genau, wie viel (oder wenig) Einsatz nötig ist und lässt sich da auch nicht reinreden.
Los, komm, vorwärts – doch je mehr ich mich abmühe, desto eher bringe ich ihn aus dem Konzept. „Mensch, lass mich doch einfach meinen Job machen“, scheint er zu murren, „schließlich ist das nicht das erste Mal, dass ich diesen Parcours springe!“ Es ist sicher auch nicht das erste Mal, dass er übereifrige Trainer-Aspiranten wieder zur Räson bringt. Ich beschränke mich also erstmal aufs Lenken.
 
24. Oktober
Einzeln die Aufgabe vorreiten, mit Richtertisch und Viereck. Wenn vier Stunden Dressurreiten auf dem Programm stehen, stellt sich Lehrgangsleiterin Kirsten Geiger auch vier Stunden für uns in die Halle – trotz eisiger Füße. Sie sagt nicht viel, aber das was sie sagt, trifft’s auf den Punkt. Da haben wir ja schon ein gutes Vorbild für unseren eigenen Lehrauftrag. Dressur reiten wir jeden Tag, dafür steht nur zweimal Parcoursspringen auf dem Programm. Im Rahmen der Unterrichtserteilung springen wir außerdem Einzelsprünge. Wer will, kann sein Springpferd auch an den anderen Tagen dressurmäßig arbeiten.
Zweimal pro Tag reiten und dreimal täglich fegen, misten, füttern und Späneballen wuchten – so viel Bewegung gibt mein Bürojob nicht her.
 
25. Oktober
Wir dachten, in einem Trainer- Lehrgang lernt man hauptsächlich Unterrichten. Doch auch Unterrichtserteilung Dressur und Springen üben wir nur je zweimal. Zum Glück bringen wir alle schon Erfahrung mit – zumindest in einer Disziplin. Trotzdem komisch, zum ersten Mal vor lauter fachkundigen Augen und Ohren zu unterrichten. Den echten Reitschülern daheim kann man ja viel erzählen, und wenn die Volte nicht klappt, üben wir halt Schlangenlinien. Hier kommt man nicht aus: Es muss so lange korrigiert werden, bis eine Verbesserung zu sehen ist. Gut fürs Selbstbewusstsein: Wir sehen viel mehr, als wir gedacht hätten! Und Spaß haben wir auch. „Die Zügel ein bisschen nachfassen“ – oh nein, ich hab schon wieder „ein bisschen“ gesagt! Die nächste ist dran: „Das Pferd saaaanft vorbereiten und dann voooorsichtig umstellen.“ Kichern. Die Dritte sagt nach jedem Satz „gut“ (Achtung, das ist eine 8,0!), die Vierte spricht renitent vom „Bein“ anstatt dem „Schenkel“ (Es gibt keine Beinhilfen!), die Fünfte läuft sich die Hacken ab (Standort!) und die Sechste sagt: „Jetzt drück halt mal den Hintern rein!“ Eingefleischte Umgangssprache plötzlich durch Fachbegriffe zu ersetzen, ist gar nicht so einfach. Wie bei dem Spiel, wo man weder „ja“, noch „nein“ noch „vielleicht“ sagen darf.
 
26. Oktober
Schulpferd Ronaldo geht heute in Rente: Er fährt mit Schulleiter Michael Schmidt nach Thüringen, wo er seinen Lebensabend auf der Weide verbringen soll. In Riem kann man den Schulpferden guten Gewissens in die Augen schauen. Sie leben in großen Fensterboxen, sind pumperlgesund und alle sehr verschmust, bis auf Grantl-Tante Alexa, aber die blöfft nur. „Wir achten sehr darauf, unsere Schulpferde schonend einzusetzen“, sagt auch Kirsten Geiger. Die Ausrüstung ist top in Ordnung; Führmaschine, Paddock und Koppelgang stehen für alle regelmäßig auf dem Plan.
 
27. Oktober
In jeder freien Minute kauen wir an unseren Stiften herum und blättern in Fachbüchern: Die Dressur-Lehrproben werden ausgebrütet. Jeder muss auf dem Papier eine Lektion der Kl. A erarbeiten und sich überlegen: Wie organisiert man am besten eine Stunde? Wie entwickelt man sinnvoll eine Übung? Da rattern die methodischen Grundsätze nur so: Vom Schweren zum Leichten, vom Komplexen zum Einfachen, oder wie war das nochmal? Dann kommt der seitenfüllende Teil: Welche Fehler können dabei auftreten (natürlich bei Pferd UND Reiter) und was gibt es alles für Möglichkeiten, sie zu korrigieren?
Es bleibt nicht bei trockener Theorie: In der Prüfung werden die Richter unser Konzepte in Händen halten und schauen, wie wir sie umsetzen.
 
28. Oktober
Mut zur Spontaneität: Wir werden erst in der Prüfung erfahren, welches Spring-Thema wir unterrichten. Und dann geht das ja alles so schnell! Anreitweg, ok, Wegreiteweg, alles klar. „Und, was war überm Sprung?“, fragt Kirsten Geiger, und wir schauen betreten auf unsere Füße. Könnten wir das bitte noch mal in Zeitlupe haben?
 
29. Oktober
Zwei Wochen schienen erst so lang zu sein, ach, das können wir ja alles noch lernen. Jetzt wird die Zeit plötzlich knapp und der Berg an Theorie-Blättern wächst immer noch weiter an. Bisher standen schon LPO und WBO, Pferdebeurteilung, Fütterungslehre und Verdauungstrakt, Springgymnastik und Cavalettiarbeit, Lektionen Kl. E - L, Grundlagen der Anatomie und Physiologie des Menschen, Bewegungs-, Sport- und Unterrichtslehre auf dem Plan. Kurz vor der Prüfung kommen dann noch Rechts- und Versicherungsfragen, Aufsichts- und Sorgfaltspflicht, APO, Aufbau und Aufgabe von Vereinen dazu. Die Referenten sind alle Profis auf ihrem Gebiet, wir können sie gnadenlos löchern. Sollte mal ein halbes Stündchen Luft sein, sitzen wir konspirativ um unseren Süßigkeitenberg herum und fragen uns gegenseitig ab.
Heute haben wir Else besucht. Das ehemalige Schulpferd tut auch nach seinem Tod noch Dienst in München und stellt als lebensgroßes Skelett seine Knochen zur Schau. („Halleluja, sog i!“)
 
30. Oktober
Mal wieder nicht zum Mittagessen gekommen. Veterinärkunde war toll, vier Stunden funktionale Anatomie, das ist was fürs Leben. Nicht so prickelnd dann der lässige Hinweis zum Schluss: „Außerdem müsst ihr alles wissen, was in den Richtlinien Band 4 steht.“ Dumm nur, dass übermorgen schon Klausur ist. Die Lehrproben müssen auch noch fertig werden, und überhaupt haben wir Hunger. Es ist aber schon 12.20 Uhr; um 13.00 Uhr müssen wir wieder auf dem Pferd sitzen, davor noch Stalldienst machen und Viereck aufbauen. Gestern sind wir trotzig zum Essen gegangen, obwohl das Viereck noch nicht stand, pah, die können uns ja wohl nicht verbieten zu essen, oder? Aua, das gab Ärger... Also lieber wieder Diätprogramm. Mittlerweile sind schon zwei Kilo unten. 
 
31. Oktober
Heute früh unter der Dusche habe ich es genau gesehen: Zwischen der ersten und der zweiten Rippe von oben bildet sich langsam aber sicher ein musculus puliscus (der sogenannte Kehrmuskel).
Es bläst schon ein eisiger Prüfungswind. Unsere Kommission: Dieter Fuhrmann ist Pferdewirtschaftsmeister und Richter, Mario Schreiber ist Pferdewirtschaftsmeister, Richter und Schulleiter des LLZ Ansbach, Diana Bleidorn ist Richterin und Ausschreibungs- Expertin bei der LK Bayern. Wir bombardieren unsere Lehrgangsleiterin mit Fragen: Was sehen die Richter am liebsten, was darf uns auf keinen Fall passieren, sollen wir beim Grüßen unseren Namen sagen oder nicht, bis sie lachend abwinkt: „Keine Panik – alles wird gut!“
 
1. November
Auch am Feiertag klingelt um 5.30 Uhr der Wecker. Die Hälfte meines Jahresurlaubs und gut 1000 Euro sind weg – warum tue ich mir das überhaupt an? Der Prüfungs-Marathon beginnt: Zwei Stunden schriftliche Klausur. Wir schreiben, bis die Finger knacken und überziehen, um noch so kniffligen Fragen auszutüfteln wie: „Berechnen Sie eine Hafer-Heu-Ration und eine gemischte Kraftfutter-Ration für ein 500kg-Sportpferd“ (ohne Taschenrechner) oder „Wie wirkt sich ein schlecht entwickelter aktiver Bewegungsapparat auf den passiven Bewegungsapparat aus?“
Danach noch die Pferde für morgen vorbereiten. Teamwork: Verena flicht alle Pferde im Akkord ein, der Rest macht Stalldienst und putzt das Sattelzeug. Später noch learning by Pizza im Aufenthaltsraum. Heute Abend will keiner allein sein.
 
2. November
Völlig ferngesteuert. Habe plötzlich Fantasien wie: Ich habe den Parcours vergessen, ich fange in der Unterrichtserteilung an zu stottern, Avocat bekommt einen Temperamentsausbruch und bockt mich runter – zugegeben, das ist jetzt arg weit hergeholt. Die ganzen zwei Wochen habe ich meinen Professor nicht so verehrt wie heute, wie er da so selbstsicher und gelassen steht, mit seinen hübschen Zöpfchen: Mein Fels in der Brandung!
„Nur keine Panik“, beruhigt uns Kirsten Geiger beim Abreiten, „alles wird gut!“ Und, ja, sie hat recht, ich komme fehlerfrei durch und kann gar nicht mehr aufhören zu grinsen. Das vergeht mir schnell wieder: In der Unterrichtserteilung muss ich mein In-Out mit Vorlegestange selber bauen. Mist, im Lehrgang stand das alles immer schon... Ich mache Zinnsoldaten- Meterschritte, messe dann aber doch lieber nach. Alles klar, los geht’s, hoppala, Cantor ist ein wenig lustig, und, oh Schreck, „Reitschülerin“ Nathalie liegt im Dreck – und heult. Cantor bockt fröhlich durch die Halle. Jetzt nicht hyperventilieren sondern reagieren! Nathalie oder Cantor, Cantor oder Nathalie? Weitere Unfälle vermeiden: also Cantor. Den hat bereits Richter Fuhrmann eingefangen. Nathalie wird auch schon getröstet. Keine Gnade: Raus mit den beiden, und weiter im Programm.
Nachdem „Reitschülerin“ Andrea das In-Out zum fünften Mal gut gesprungen ist, werde ich nervös: „Niemals selbst den Unterricht abbrechen!“, wurde uns eingebläut. „Solange die Richter nichts sagen, warten sie noch auf eine ganz bestimmte Korrektur!“ Was soll das sein, bei einer M-Reiterin auf einem M-Pferd? Endlich erlöst mich Richter Schreiber: „Würden Sie die jetzt nochmal springen lassen?“ Jetzt selbstbewusst antworten: „Nein, das war in Ordnung so!“ Endlich entlassen.
Drei Theorie-Stationen, sechs Prüfer: Die fühlen uns ordentlich auf den Zahn. Reitlehre und Sportpädagogik prüfen Fuhrmann und Schreiber persönlich; Organisation und Sicherheit wird von Diana Bleidorn und Kirsten Geiger abgefragt. Wer ordentlich gelernt hat, kommt gut zurecht. Ein paar Allgemeinwissen- Fragen und Einserbremsen gibt es aber auch. Die nehmen an Station 3 dann drastisch zu: Zum Abschluss geht es mit Dr. Loibl einmal quer durch die Veterinärkunde, aber im Galopp. Was ist Clipping, wie lautet Paragraph 2 des Tierschutzgesetzes, nennen Sie mir mal ein paar Endoparasiten, von welchen Vitaminen kann man zuviel füttern, wie viele Pferde muss ein Erwerbstierhalter mindestens haben, wie soll ein Weidezaun aussehen und jetzt noch schnell die Gelenke der Hintergliedmaße – bitte unten anfangen! Klare Fragen wollen klare Antworten. Und das mit dem Band 4 war keine leere Drohung!
Das Schlimmste ist überstanden. Wir gehen mit den Privatpferden auf die Galoppbahn, die Sonne hängt rot hinter den Bäumen, die Luft ist frisch und riecht nach nassem Laub. Die Pony-Rasselbande hat Boxenkoller, es wird gequietscht, gelacht und gebockt, und schließlich donnern wir full speed über den feuchten Sand, los, noch eine Runde! Diese Minuten werden mir als „das Trainer-C-Gefühl“ in Erinnerung bleiben.
 
3. November
Heute haben die Springreiter Bauchweh: Dressur steht auf dem Programm. Ein Königreich für Heimat-Haflinger Nummer zwei! Mit Navio habe ich schon ein paar A-Dressuren bestritten, da weiß ich, auf den ist Verlass. Das erste Mal in meinem Leben gehe ich ruhig in eine Prüfung – kann aber auch sein, dass ich einfach keine Kraft mehr habe, um mich aufzuregen. Reiten geht aber noch.
Vor der Unterrichtserteilung wieder ein kurzer Nervositätsschub, zum Glück sitzen die Richter hinter mir, kann ich gut ausblenden. Konzentration auf meine einfache Schlangenlinie im Arbeitstrab, alles klappt: „Danke, das genügt.“
Wieder satteln und in der Unterrichtserteilung der anderen reiten: Halbe Volte links, halbe Volte rechts und Einfacher Galoppwechsel. Ich bin durch! Warten auf das Ende. Zeit, den Lehrgang Revue passieren zu lassen. Wir haben hier in den letzten zwei Wochen zusammen gezweifelt und gezittert – aber wir haben auch viel gelacht und vor allem jede Menge gelernt, über Pferde, übers Reiten, übers Ausbilden – und auch über uns selbst.
„So, dann kommen Sie mal rein!“ Das ist schlimmer als Zahnarzt, schlimmer als Führerschein, fast so schlimm wie Bungee-Jumping. „So, jetzt atmen Sie mal wieder!“, grinst Schreiber und reanimiert mich aus meinem bleichen „Habe ich bestanden?“-Koma. „Wir könnten das jetzt noch ein bisschen in die Länge ziehen“, witzelt er, doch die Menschlichkeit siegt: „Sie haben bestanden.“ Aus den tiefsten Tiefen meiner Seele ringt sich ein lauter Seufzer empor, die Kommission muss lachen. Herzlichen Glückwunsch, nein, natürlich werde ich mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhen, und auf Wiedersehen beim Trainer B. Eigentlich müssten jetzt die Sektkorken knallen, doch wir sind einfach nur platt. Noch schnell Telefonnummern austauschen, umarmen, Pferde verladen. Und dann geht’s wieder zurück ins normale Leben – als erschöpfte, stolze Trainer C.
 

Dieser Bericht erschien erstmals in der BAYERNS PFERDE 1/2008. Mehr zum Thema "Ausbildung" finden Sie in der Mai-Ausgabe 2010 (Erscheinungstermin: 28.4.2010)

 
 
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